Hinweise

Literaturtipps

  • Höfling, Beate: Das Leichhofportal. In: Domblätter 6 (2004), S. 33-36.

Das Leichhofportal

Das Leichhofportal führt vom Leichhof in den südlichen Querhausarm des Domes. Es handelt sich dabei um ein romanisches Gewände-Säulenportal aus rotem und gelbem Sandstein, das erst 1925 wieder freigelegt wurde. Dem Stil nach wird es um 1220 datiert. Körperlichkeit und Gewandung der Figuren weisen allerdings auf eine jüngere Stillage hin. Offenbar sind die Figuren in frühgotischer Zeit (1235-1250) überarbeitet worden. Das abgestufte Gewände des Portals wird durch Säulen unterschiedliche Ausprägung gebildet. Darüber erstreckt sich ein Rundbogen, welcher nach innen hin durch Archivolten (Bogenläufe) profiliert ist, die die Gliederung des Gewändes fortsetzen. Zum Teil ist das Portal mit filigranen Rankenfriesen verziert, deren Vorbilder in Burgund liegen.

Bildprogramm und Ikonographie

In dem Tympanon (Rundbogenfeld) befindet sich eine Deesis-Darstellung: Jesus Christus sitzt auf einem Thron in der Mitte. Zu seiner Rechten steht die Heilige Jungfrau Maria, zu seiner Linken Johannes der Täufer. Neben Maria und Johannes zeigen sich noch zwei heilige Bischöfe als Halbfiguren, die allerdings nicht mehr zu identifizieren sind - möglicherweise handelt es sich dabei um den hl. Bonifatius und den hl. Martinus.

Oberhalb von Jesus Christus, in der anschließenden rundwulstigen Archivolte, ist eine Taube abgebildet. Sie symbolisiert den Heiligen Geist.

Jesus trägt einen mit Blütenblättern verzierten Kreuznimbus (Heiligenschein). In seiner linken Hand hält er ein geschlossenes Buch. Mit seiner rechten Hand führt er einen Lehr- oder Segensgestus aus. Maria trägt ein elegant drapiertes Gewand – Johannes ist dagegen mit Tierfell bekleidet. Beide tragen ebenfalls einen Heiligenschein.

Sowohl das Bildprogramm der Deesis als auch die Figürlichkeiten im Zusammenhang mit der Verzierung lassen nun verschiedene Bedeutungsebenen erkennen: Der theologische Inhalt einer Deesis liegt in der Vermittlung der Gnade Gottes an die Welt. Jesus ist der Vermittler zwischen Gott und den Menschen. Maria und Johannes fungieren als Fürbitter für die Menschheit. Des Weiteren liegt Marias rechte Hand auf ihrem Herzen. Ihre linke Hand ist geöffnet und weist in Richtung ihres Ohres. Sie neigt ihren Kopf leicht zur Seite – so als würde sie genau hin hören wollen. Damit wird bildlich dargestellt, dass Maria bei der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel Gottes Wort vernahm. Das Wort wurde dann zu Fleisch in der Gestalt von Jesus Christus. Gleichzeitig ist Marias Gestik eine Aufforderung an die Menschen, auf Gottes Wort zu hören und es in sich fruchtbar werden zu lassen. Johannes hält seine linke Hand auf dem Herzen – mit seiner rechten zeigt er auf Jesus. Dabei geht es um die Erinnerung an die Taufe Jesu im Jordan.

Wie schon angesprochen, korrespondieren die Verzierungen und die Figürlichkeiten auf komplexe Art und Weise miteinander: Die üppigen, verschlungen Rankenornamente stehen für die Herrlichkeit des Paradieses. An der Pforte zum Paradies werden dann Christus, Maria und Johannes auf die Verstorbenen warten. Nicht ohne Grund kam dieser theologische Inhalt in der Ausgestaltung des Leichhofportals zum Tragen. Das Portal liegt im Westbereich des Domes. Im Westen geht die Sonne unter – der Westen steht also für den Abend und damit auch für den Lebensabend und den herannahenden Tod. Deshalb lag auch der mittelalterliche Friedhof (Leichhof) in unmittelbarer Nähe zu dem Portal. Wenn die Toten zur Aufgewahrung in die Memorie gebracht wurden, trug man sie durch dieses Portal. So wurde das Portal einst auch "Paradiespforte" genannt.

Nachweise

Verfasser: Rebecca Mellone

Geändert am: 21.04.2010

Literatur:

  • Arens, Fritz: Der Dom zu Mainz. Darmstadt 3. Auflage 2007.
  • Höfling, Beate: Das Leichhofportal. In: Domblätter 6 Mainz 2004, S. 33-36.
  • List, Claudia/Blum, Wilhelm: Sachwörterbuch zur Kunst des Mittelalters. Stuttgart/Zürich 1996.
  • Nichtweiß, Barbara (Hrsg.): Lebendiger Dom. St. Martin zu Mainz in Geschichte und Gegenwart. Mainz 1998.
  • Schuchert, August: Der Dom zu Mainz. Mainz 4. Auflage 1963.