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Ausführliche Informationen zum Heusenstamm-Epitaph finden Sie in dem Aufsatz: Das Epitaph für den Erzbischof und Kurfürsten Sebastian von Heusenstamm im Mainzer Dom von Rebecca Mellone.

Das Epitaph für den Erzbischof und Kurfürsten Sebastian von Heusenstamm im Mainzer Dom

Das Epitaph für den 1555 verstorbenen Kurfürsten und Mainzer Erzbischof Sebastian von Heusenstamm befindet sich heute noch an angestammter Stelle am ersten Pfeiler von Westen her im nördlichen Seitenschiff des Mainzer Domes. Es hängt damit an prominenter Stelle schräg gegenüber dem Marktportal – dem Haupteingang des Hohen Hauses.

Das Denkmal wurde 1559 von dem Mainzer Bildhauer Dietrich Schro fertig gestellt. Für das 5,78 Meter in der Höhe und 1,97 Meter in der Breite messende Werk wurde sowohl grauer Sandstein als auch Tuffstein verwendet. Den Auftrag für das Epitaph erhielt Schro vom Mainzer Erzbischof Daniel Brendel von Homburg – dem Nachfolger Heusenstamms.

Das Werk wurde 1833 restauriert. Ursprünglich ist es mit Sicherheit reicher bemalt gewesen als es sich heute darstellt - die heutige Farbfassung in Hellgrau mit teilweiser Vergoldung ist also neu. Der Nischenhintergrund wurde schiefergrau ausgemalt. Die Inschriftentafel am Sockel wurde in Anthrazit gestrichen und die Buchstaben vergoldet. Hier und da wurden Akzente mit Hellblau und Altrosa gesetzt. Auch die Wappen wurden ihrer heraldischen Bedeutung nach farbig gestaltet.

Typus

Die Komposition des Heusenstamm-Epitaphs folgt in ihrer Gestaltung dem so genannten "Mainzer Schema". Dieser Typus hat sich seit dem Denkmal für Matthias von Buchegg aus dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts durchgesetzt.

Der "Mainzer Typus" zeichnete sich bis ins 15. Jahrhundert dadurch aus, dass die Figur des Verstorbenen von einer Rahmenarchitektur umgeben wird, in der Heiligenfiguren eingefasst sind. Ab der Renaissance werden die Plastiken von Heiligen jedoch durch andere Motive ersetzt – der Grundgedanke des "Mainzer-Schemas" bleibt aber erhalten. So steht auch hier die Heusenstamm-Figur auf einem Postament, umgeben von einem architektonischen Rahmenwerk, das anstelle von Heiligenfiguren Wappen und Renaissance-Ornamente birgt.

Auch dass der Bischof als Attribut ein Buch mit sich führt, hat bei den Mainzer Denkmälern seit der Tumbaplatte von Matthias von Buchegg Tradition.

Der Aufriss ist dreiteilig: Unten befindet sich die Sockelzone. Darauf fußt eine Hauptzone, die durch Bauplastik dominiert wird und die letztlich die Giebelzone mit kleebattförmigem Bogen trägt.

Im Stile der Renaissance

Der Aufbau des Denkmals orientiert sich an der italienischen Baukunst, die in der Renaissance unter anderem die horizontale Gliederung nachdrücklich betont. Der Gestaltungswille setzt dabei auf eine klare Symmetrie, Proportionalität und Harmonie.

Diesen Anspruch konnte Dietrich Schro beim Heusenstamm-Denkmal wesentlich souveräner umsetzten als noch beim Epitaph für Albrecht von Brandenburg. Die einzelnen Elemente gehen fließender ineinander über, scheinen auf natürliche Weise miteinander verschmolzen und das Denkmal wirkt dadurch insgesamt "organischer", wie es einige Autoren formulieren.

Rückgriffe auf die Antike werden zum Beispiel durch das ionisch anmutende Gebälk sichtbar. Die Ausführung des Giebels lehnt sich an so genannten Volutengiebeln an, die sich in der Renaissance-Baukunst Italiens entwickelten. Die Volutengiebel gelangten  dann nach und nach zu einer fantasievollen Entfaltung, wie beispielsweise die Fassade des Rathauses von Leiden zeigt. Der Kleeblattbogen beweist allerdings auch, dass deutsche Bildhauer wie Schro weiterhin an gotischen Formen festhielten.

Motivik, Ornamentik, Bauplastik

Einige Motive am Heusenstamm-Denkmal können ikonographisch dem Vanitas-Gedanken zugeordnet werden können. Dazu gehört das Gerippe mit Sanduhr und Sense im Giebelaufsatz, wie auch Sanduhr und Totenschädel zu Füßen des Puttos am Postament. Der Begriff "Vanitas" bezeichnet die zeitgenössische Vorstellung von Vergänglichkeit, Nichtigkeit und Eitelkeit alles Irdischen. Totenköpfe sowie Skelette, Sensen, Stundengläser oder auch faulende Früchte sind daher typische Vanitas-Symbole und charakteristische Motive in der Renaissance und im Barock.

Auch die reine dekorative Ornamentik und Bauplastik des Epitaphs kann stilistisch einwandfrei der Renaissance zugeordnet werden. Die Antiken-Rezeption zeigt sich in architektonischen Elementen wie den Guttae, die an den Giebelgesimsen hängen oder am kassettierten Bogengewölbe. Beispielhaft für die Renaissance-Zierkunst sind neben naturalistischen Tendenzen, die sich in Blumengewinden, Tieren und Früchte widerspiegeln, auch antikisierende Bauplastiken wie Karyatide, Putten und Satyre. Darüber hinaus sind auch orientalisierende Ornamente wie die Maureske im Fries des Kleeblattbogens typisch für den Stil der Renaissance.

Im Besonderen zeigt sich hier eine Stillage der niederländischen Renaissance, die man als "Florisstil" bezeichnet und in dem die italienische Renaissance-Ornamentik mit Kartuschen, Roll- sowie Beschlagwerk kombiniert wird.

Biographische Hinweise

Gehen wir nun der Frage nach, inwieweit uns das Denkmal als Quelle Informationen über das Leben und Wirken Heusenstamms geben kann. Dabei erhalten wir vor allem durch die Sockelinschrift und die Wappenschilder so manche Hinweise zu Heusenstamms Biographie.

Sockelinschrift

"Dem Herrn Sebastian von Heusenstamm, Erzbischof von Mainz, des heiligen römischen Reiches Erzkanzler für Germanien und Kurfürst. Ein durch Geist und Gewandtheit in Geschäften höchst ausgezeichneter Mann, Doktor beider Rechte, rastlos in Verwaltung des Staates in dessen inneren und äußeren Verhältnissen. Als er unter den Stürmen, welche Deutschland überfluteten, ermüdet der Last erlegen war und die Seele Gott zurückgegeben hatte, setzte ihm sein Nachfolger als letzten Liebesdienst dieses Denkmal. Er regierte 9 Jahre, 3 Monate und 28 Tage und starb zu Eltville den 17. März 1555." (Arens)

Die Wappenschilder an den Postamenten der Karyatiden zeigen die Embleme von Domkapitel und Kurmainz. Die Wappen, die den Giebelaufsatz flankieren, stehen für die von Heusenstamm und für die Familie Brendel von Homburg. Zwei Wappen, die ursprünglich noch am Giebel befestigt waren, fehlen und zwar die derer von Veningen und der Familie Roder von Rodeck.

Sowohl die Wappenschilder neben dem Giebelaufsatz als auch die beiden verloren gegangenen zeugen von Sebastians Herkunft. Der Bischof wurde vermutlich am 16. März 1508 als Sohn von Martin I. von Heusenstamm und Elisabeth, der Tochter von Eberhard Brendel von Homburg geboren. Sebastian entstammte folglich einem alten Rittergeschlecht, das um das Dorf Heusenstamm in der Nähe von Offenbach begütert war. Gleichzeitig verweist das Wappen derer von Homburg auf den Stifter des Denkmals, nämlich auf Erzbischof Daniel Brendel von Homburg, der also ein Verwandter von Sebastian mütterlicherseits war. Das Wappen derer von Veningen verweist auf die Großmutter Sebastians väterlicherseits. Das Wappen der Familie Roder von Rodeck verweist wiederum auf die Großmutter Sebastians mütterlicherseits.

Sebastian studierte an der Universität Tübingen und später an der Universität Mainz, wo er den akademischen Grad eines "doctor iuris utriusque" erwarb. Er war also Doktor beider Rechte, da heißt er studierte sowohl Römisches als auch Kanonisches Recht.

Am 25. Oktober 1531 wurde Sebastian ins Mainzer Domkapitel aufgenommen. Als gut ausgebildeter Kapitular, der sich durch "Geist und Gewandtheit in Geschäften" auszeichnete, wurde er sogleich bei vielen wichtigen Angelegenheiten des Kapitels verwendet. In diesen Jahren wurde Heusenstamm auch eine der wichtigsten Personen um Erzbischof Albrecht von Brandenburg und er bekam dadurch Einblicke in alle wichtigen Fragen bzgl. des Domkapitels und des Erzstiftes.

Aufgrund seiner vertrauensvollen Arbeit wurde Heusenstamm am 10. Dezember 1544 vom Domkapitel einstimmig zum Scholaster gewählt – damit war er nicht nur Leiter der Domschule, sondern gleichzeitig auch eine Art Vorsteher und Sprecher des Kapitels. Als Heusenstamm 1545 mit 37 Jahren zum Erzbischof gewählt wurde, war er daher wie kaum ein anderer mit den ökonomischen, politischen und religiösen Problemen des Erzstiftes vertraut "und im Umgang mit diesen Aufgaben erprobt" (Decot).

Mit dem Inschriftenauszug "Unter den Stürmen, welche Deutschland überfluteten" ist insbesondere die Reformation gemeint, die zu Heusenstamms Leb- und Amtszeit über das Heilige Römische Reich hereinbrach. Gegen diese Stürme kämpfte Heusenstamm bereits unter Albrecht von Brandenburg und später in seinem Amt als Erzbischof unermüdlich. So war ihm zwar die Gegenreformation ein Hauptanliegen, aber er bemühte sich auch stets zusammen mit Kaiser Karl V. um die religiöse Einigung im Reich.

Eine weitere Maxime Heusenstamms war, den riesigen Schuldenberg den Albrecht von Brandenburg hinterlassen hatte abzutragen. Auf dieses innen- und außenpolitische Engagement Heusenstamms verweist die Inschrift mit: "rastlos in Verwaltung des Staates in dessen inneren und äußeren Verhältnissen". Doch den Augsburger Religionsfrieden von 1555, den Heusenstamm sehr befürwortete, erlebte er nicht mehr.

Nachweise

Verfasser: Rebecca Mellone

Erstellt am: 12.10.2010

Literatur:

  • Arens, Fritz: Der Dom zu Mainz, Darmstadt 2007 (3. Auflage).
  • Arens, Fritz: Die Inschriften der Stadt Mainz von frühmittelalterlicher Zeit bis 1650, Stuttgart 1958 (Die Deutschen Inschriften, Bd. 2).
  • Borchert, Till-Holger: Die Rezeption der Renaissance und des Manierismus in der Skulptur nördlich der Alpen, in: Kinsthistorische Arbeitsblätter, 4, 2005, S. 87-104.
  • Decot, Rolf: Religionsfrieden und Kirchereform. Der Mainzer Kurfürst und Erzbischof Sebastian von Heusenstamm 1545-1555, Wiesbaden 1980 (Veröffentlichung des Institutes für Europäische Geschichte Mainz, Bd. 100).
  • Hedicke, Robert: Cornelis Floris und die Florisdekoration, 2 Bde., Berlin 1913.
  • Heinz, Stefan/Schmid, Wolfgang: Die Konkurrenz der Gruppen: Visualisierungsstrategien von Erzbischöfen und Domkanonikern im Mainzer Dom, in: Creating Identities, Kassel 2007 (Kasseler Studien zur Sepulkralkultur, Bd. 11), S. 85-97.
  • Heinz, Stefan/Rothbrust, Barbara/Schmidt, Wolfgang: Die Grabdenkmäler der Erzbischöfe von Trier, Köln und Mainz, Trier 2004.
  • Kautzsch, Rudolf/Neeb Ernst: Der Dom zu Mainz, Darmstadt 1919 (Die Kunstdenkmäler der Stadt und des Kreises Mainz, Bd. 2, Teil I).
  • Kautzsch, Rudolf: Der Mainzer Dom und seine Denkmäler, Frankfurt a. M. 1925.
  • Lexikon der Kunst, Bd. 6, 1994, Stichwort "Renaissance", Sp. 113-118.
  • Lühmann-Schmid, Irnfriede: Peter Schro, ein Mainzer Bildhauer und Backoffenschüler, Teil I, in: Mainzer Zeitschrift, 70, 1975, S. 1-62.
  • Lühmann-Schmid, Irnfriede: Peter Schro, ein Mainzer Bildhauer und Backoffenschüler, Teil II, in: Mainzer Zeitschrift, 71/72, 1976-1977, S. 57-100.
  • Meier, Claudia Annette: Heinrich Ringerink und sein Kreis: Eine Flensburger Bildschnitzerwerkstatt um 1600, Flensburg 1984 (Schriften der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte e.V., Bd. 34).
  • Meyer, Franz Sales (Hrsg.): Systematisch geordnetes Handbuch der Ornamentik, Leipzig 1903 (7. Auflage).
  • Ott, N.H, in: LexMa, Bd. 8, 1999, Stichwort "Vanitas", Sp. 1408.
  • Thiel, Ursula B.: Figürliche Epitaphien des Adels und der Geistlichkeit . Wege in die frühe Neuzeit, in: Traditionen, Zäsuren, Umbrüche. Inschriften des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit im Hist. Kontext, Wiesbaden 2008 (Beiträge zur 11. Internationalen Fachtagung für Epigraphik vom 9. bis 12. Mai 2007 in Greifswald), S. 231-261.
  • 1000 Jahre Mainzer Dom (975-1975). Werden und Wandel, hrsg. von Wilhelm Jung, Kat. Ausst. Mainz 1975, Mainz 1975.